Was sind euch eure Kinder wert?

Entgeltordnung Sozial- und Erziehungsdienst

Kfz-Mechaniker*innen erhalten in Nordrhein-Westfalen ein mehrere Hundert Euro höheres Entgelt als Erzieher*innen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Vergütung und gesellschaftlichem Wert einer Arbeit, bedeutet das wohl: Unsere Autos sind uns wichtiger als unsere Kinder! Auch wenn man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen kann: Wer diese Aussage widerlegen will, muss sich für eine deutlich bessere Anerkennung der frühkindlichen Bildung einsetzen.
Was sind euch eure Kinder wert?

Foto: kallejipp/photocase.de

In den letzten Jahren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die vorschulische Bildung, Erziehung und Betreuung eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe ist, weil hier die Weichen für die weitere Entwicklung der  Kinder gestellt werden. Das Bild von der Erzieherin als Spieltante scheint aus den meisten Köpfen verschwunden zu sein. Doch an welchen Faktoren lässt sich der Wert frühkindlicher Bildung messen?

Faktor 1: Neue Aufgaben, mehr VerantwortungMit der Erkenntnis des Wertes dieser Arbeit sind den Beschäftigten in den letzten Jahren zahlreiche neue und erweiterte Aufgaben zugeteilt worden. Intensive Sprachförderung, Inklusion, Integration, Beratung und Unterstützung von Familien, Vernetzung und Zusammenarbeit mit Grundschulen, Beratungsstellen und Therapeut*innen sowie die Dokumentation der eigenen Arbeit und der Entwicklung der Kinder.

Faktor 2: Personalschlüssel und ZeitressourcenDer deutlichen Ausweitung der Aufgaben steht jedoch keine entsprechende Anpassung der Arbeitsbedingungen gegenüber. Eine notwendige Verbesserung des Personalschlüssels  hat es nur ansatzweise bei den U3-Kindern gegeben. Die Gruppengrößen wurden nicht reduziert. Dem Personal wird keine Zeit für die zahlreichen zusätzlichen Aufgaben eingeräumt. Der „Ländermonitor  frühkindliche Bildungssysteme“ der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass in NRW 17.500 zusätzliche Erzieher*innen in Vollzeitstellen erforderlich wären. 2012 waren 61.300 Erzieher*innen beschäftigt, es besteht also ein Mehrbedarf von circa 30 Prozent. Hier fordert die GEW seit Langem deutliche Veränderungen. Kinder brauchen Bindung und persönliche Zuwendung. Die notwendigen Entwicklungsbedingungen können nur mit einer besseren Kind-Personal-Relation geboten werden. Wird den Beschäftigten die Zeit für Vor- und Nachbereitung nicht eingeräumt, geht die Ausführung dieser Tätigkeiten immer auf Kosten der Arbeit mit dem Kind. Wenn dann noch nicht einmal Vertretungskräfte bei Krankheit, Fortbildungen oder anderen Fehlzeiten gestellt werden, muss die Qualität der Arbeit zwangsläufig leiden. Für die Kindheitspädagog*innen, die in den letzten Jahren zunehmend das Studium beendet haben, fehlen entsprechende Stellen in den Kindertageseinrichtungen. Hier müssen Konzepte entwickelt werden, wie multiprofessionelle Teams zusammenarbeiten und entlohnt werden sollen. Je früher und intensiver Förderbedarf festgestellt und die jeweils notwendige Maßnahme eingeleitet wird, umso effektiver kann jedes Kind  gefördert werden. Alleskönnende Erzieher*innen gibt es nicht, hier sind die Teams breiter aufzustellen. Wer den Wert frühkindlicher Bildung erkennt, muss auch die Tätigkeiten der Einzelnen und der Teams angemessen bewerten.

Faktor 3: Gesetzliche RahmenbedingungenDer Wert frühkindlicher Bildung misst sich auch an den Rahmenbedingungen, die für die Arbeit geschaffen werden. Das Land hat in den letzten Jahren mit zwei Revisionen des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz) ein paar Verbesserungen geschaffen, die aber die grundlegend notwendigen Veränderungen bei Weitem nicht erreichen. Dass das KiBiz den Anforderungen nicht gerecht wird, hatten SPD und Grüne in der Opposition klar erkannt und formuliert, dann wurde aber nur wenig überarbeitet und nicht wie versprochen ein neues Gesetz vorgelegt. Allein die jährliche Anpassung der Pauschalen um lediglich 1,5 Prozent führt zu weiteren Unterfinanzierungen, wenn Gehälter in angemessener Weise erhöht werden sollen – von der notwendigen Verbesserung der Eingruppierung ganz zu schweigen. Auch die im KiBiz durchaus beschriebene Notwendigkeit von „weiteren Personalstunden“ für Vertretungen und ähnliche Aufgaben findet sich in den Pauschalen nicht wieder. Hier muss endlich Schluss sein mit gegenseitigen Schuld- und Aufgabenzuweisungen zwischen Bund, Land und Kommunen! Es muss dafür gesorgt werden, dass alle beteiligten Akteure ihre Zuständigkeiten kennen und ihren Aufgaben gerecht werden. Wer sich nicht von anderen vorschreiben lassen will, wofür und wie viel er bezahlen soll, muss eben selbst feststellen, was nötig ist, und dann seiner Verantwortung nachkommen. Eine angemessene personelle und räumliche Ausstattung der frühkindlichen Bildung kostet viel Geld und kann nur mit gemeinsamen Anstrengungen erreicht werden. Wem die Kinder wirklich etwas wert sind, wer kein Kind zurücklassen will, wer die Bildung unserer Kinder für ein hohes Gut hält, der muss sich auch an den Kosten beteiligen und darf nicht nur auf den anderen zeigen. Es ist doch immer das Geld der Steuerzahler*innen egal, welcher Finanzminister oder Kämmerer es aus der Schatulle nehmen soll. Dass es irgendwann ein Gesetz zur Regelung der frühkindlichen Bildung geben wird, das den Notwendigkeiten gerecht wird, kann man im Augenblick nur hoffen. Bis es soweit ist, sind unverzüglich die Kindpauschalen nach KiBiz so zu berechnen, dass alle beschriebenen Leistungen finanziert werden können nicht nur die Minimalbedingungen. Außerdem sind jährlich Anpassungen im Rahmen tatsächlicher Kosten- und Gehaltssteigerungen vorzunehmen.

Faktor 4: Eingruppierung und VergütungWenn sich der Wert frühkindlicher Bildung am Einkommen der hier Beschäftigten bemisst, ist es nicht weit damit her. Die Vergütung der Fach- und Ergänzungskräfte entspricht nicht dem tatsächlichen Wert ihrer Arbeit. Mit großer Geduld und unermüdlichem persönlichem Einsatz reagieren Erzieher*innen auf den Mangel. Was in der Dienstzeit nicht geschafft wird, erledigt man zu Hause. Pausen sind oft ein Fremdwort. Fallen Kolleg*innen aus, arbeiten andere für zwei und haben noch ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht allen Kindern gerecht werden können. Kein Wunder, dass der Krankenstand in dieser Berufsgruppe besonders hoch ist, was die Situation immer weiter verschärft. Seit der Einführung des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst (TVöD) und vergleichbaren Tarifverträgen bei anderen Trägern wie Kirchen und Wohlfahrtsverbänden sind sozialpädagogische Fachkräfte gegenüber schon länger beschäftigten Kolleg*innen deutlich benachteiligt, weil Aufstiege in andere Entgeltgruppen nicht möglich sind. Hier wird das Verhältnis von Vergütung und Wert der Arbeit auf den Kopf gestellt. Die Wertigkeit der pädagogischen Arbeit hat in den letzten Jahren durch neue und zusätzliche Aufgaben stetig zugenommen, das Einkommen wurde aber abgesenkt. Das kann und darf so nicht weitergehen! Die Tarifpartner müssen endlich eine angemessene Eingruppierung für alle im Sozial- und Erziehungsdienst beschäftigten KollegInnen vereinbaren. Die geforderte Höhergruppierung für Erzieher*innen ist dabei eine Minimalforderung. Damit würde erstmals der erkennbaren gesellschaftlichen Anerkennung der qualifizierten, vielfältigen, flexiblen und engagierten Arbeit, die die Kolleg*innen leisten, auch finanziell Rechnung getragen. Spiegelt sich der Wert ihrer Arbeit auch weiterhin nicht im Einkommen der Beschäftigten wider, wird es auf Dauer nicht möglich sein, qualifiziertes Personal für die wichtige Aufgabe der vorschulischen Erziehung zu begeistern. Der öffentliche Dienst muss hier vorangehen. Andere Träger werden sich immer dahinter verstecken so wie überall versucht wird, einen Schritt hinter dem öffentlichen Dienst zurückzubleiben. Kein Arbeitgeber kann es sich aber leisten, den Abstand zum öffentlichen Dienst zu groß werden zu lassen, und so werden bei den Eingruppierungsverhandlungen zum Sozial- und Erziehungsdienst Richtwerte für alle Beschäftigten gesetzt. Was hier nicht gelingt, wird in den Tarifverhandlungen mit anderen Trägern erst recht nicht durchgesetzt werden können. Alle reden davon, wie wichtig die Kinder sind, welche Bedeutung Bildung und welch hohen Stellenwert die Arbeit in den frühkindlichen Bildungseinrichtungen hat. Die GEW fordert jetzt, dieser Erkenntnis gerecht zu werden und endlich die Entlohnung den Leistungen anzupassen.

Lothar Freerksema // In: nds 11/12-2014